Bereit für Indien

Von Komponenten für die Licht- und Automobilindustrie bis hin zu Vollhartmetallwerkzeug: Die Plansee-Gruppe ist mit zahlreichen Aktivitäten und 700 Mitarbeitern in Indien vertreten.

Melissa Albeck hat vor rund zwei Jahren eine Niederlassung für WNT in Indien eröffnet. WNT ist der Vertriebsarm der Ceratizit-Gruppe für Zerspanungswerkzeuge für das Bohren, Fräsen oder Drehen. Albeck ist dafür zuständig, das Geschäft von WNT noch internationaler zu machen – in 18 Ländern ist WNT bereits aktiv. Etwas Zeit hat Melissa Albeck schon gebraucht, um die indische Kultur kennenzulernen: „Auf den ersten Blick scheint sie uns vertraut, weil unsere Geschäftspartner Englisch sprechen. Aber die Zusammenarbeit ist ganz anders. Nicht so sehr nach Plan wie in Europa, da die Zeit komplett anders wahrgenommen wird. Und irgendwie funktioniert alles, trotz aller Gegensätzlichkeit zur europäischen Kultur." Und genau das ist der Punkt. Das Servicekonzept von WNT geht in Indien voll auf: Die Lieferung von 8.000 lagerhaltigen Standardprodukten innerhalb von 48 Stunden und vor allem die technische Unterstützung, die WNT seinen Kunden sowohl telefonisch als auch vor Ort jederzeit anbietet. Mit einem Wort – WNT hat mit dem Export seines Servicekonzepts auf dem indischen Markt ins Schwarze getroffen. „Vielleicht funktioniert es sogar noch etwas besser, weil in Indien Beziehungen wahnsinnig wichtig sind, oft wichtiger als alles andere“, so Albeck. Ohne Vertrauen kein Geschäft. Und kommt dann noch die technische Kompetenz der überwiegend jungen Zerspanungstechniker dazu, die WNT intensiv zum technischen Verkäufer schult, ist das der perfekte Gesprächspartner für die indischen Kunden, die auf die hohe Qualität des Zerspanungswerkzeugs von WNT setzen. Vertreten ist WNT in allen wichtigen Wirtschaftsregionen Indiens mit Außendienstmitarbeitern, in Pune ebenso wie in Bangalore oder Delhi. Beliefert werden die Kunden vom Zentrallager in Uluberia in der Nähe von Kolkata. „Der Markt ist riesengroß und es ist hier viel zu holen für die Gruppe“, meint Melissa Albeck. Mit Gruppe meint sie auch das Mutterunternehmen Ceratizit, das mit einem Produktionswerk bereits seit fast 20 Jahren in Indien aktiv ist. Vor zwei Jahren hat Ceratizit ein neues Werksgelände in Uluberia in Betrieb genommen. Angesichts der steigenden Nachfrage nach hochwertigen Zerspanungswerkzeugen in Asien produziert Ceratizit in Uluberia eine steigende Menge von Wendeschneidplatten und Werkzeugträgern. Und hier in Uluberia ist auch das Zentrallager von WNT untergebracht. Hier wird jede Bestellung, die eintrifft, am selben Tag bearbeitet, verpackt und ausgeliefert.

Kopiert und optimiert

Szenenwechsel. Seit Ende der 90er-Jahre produziert der von Ceratizit im Jahr 2012 übernommene deutsche Vollhartmetallwerkzeughersteller Günther Wirth in Bangalore. „Wenn Zulieferer für die Automobilindustrie Werkzeuge benötigen, setzen sie auf vergleichbar hohe Qualität – überall auf der Welt“, so Gerhard Bailom, Co-Geschäftsführer in Indien. „Deshalb hat Günther Wirth damals in Kooperation mit einem Kunden diesen Standort eröffnet.“ Damit die Produkte den Qualitätsstandards entsprechen, wurde ein umfassender Wissenstransfer zwischen den deutschen und indischen Kollegen sichergestellt. Mittlerweile produziert Günther Wirth in Bangalore das gesamte Standardprogramm an Fräsern und Bohrern aus Vollhartmetall, ebenso wie Sonderwerkzeuge. Seit etwa einem Jahr wird die Zusammenarbeit mit Ceratizit Indien intensiviert. Einer der Schwerpunkte ist das Projektgeschäft. „Mit dem Gesamtangebot an Wendeschneidplatten- und Vollhartmetall-Werkzeugen wollen wir unseren indischen Kunden die Komplettbearbeitung ihres Bauteils bieten“, so Ashwani Sareen, Co-Geschäftsführer. Dazu soll zukünftig auch das Standardprogramm erweitert werden. Weitere Schwerpunkte sind das Tieflochbohren und Werkzeuge für schwer zerspanbare Materialien wie Titan. Um den indischen Markt aus einer Hand zu bearbeiten, wurde das Unternehmen in Bangalore im April in „Ceratizit Roundtool Solutions“ umbenannt.

Werkzeuge für den indischen Markt: Ceratizit produziert in Bangalore Fräser und Bohrer aus Vollhartmetall

Geschlossene Rohstoffkreisläufe

Wo Hartmetallwerkzeug verkauft wird, dort ist es auch sinnvoll, ausgedientes Hartmetall wieder einzusammeln und zu recyceln. Darauf hat sich Global Tungsten & Powders spezialisiert. Der Wolframpulverexperte der Plansee- Gruppe sammelt landesweit Hartmetallschrott und bereitet den Schrott in seinen Werken in Europa und den USA zu frischem Wolframpulver auf, das erneut für die Fertigung von Hartmetallwerkzeug eingesetzt wird.

Plansee – „Made“ und „Make in India”

Seit einem Vierteljahrhundert ist der Unternehmensbereich Plansee Hochleistungswerkstoffe (HLW) in Indien aktiv. Zu den größten Kundengruppengehören die Automobil- und Elekfür die Ionenimplantation, ein wichtiger Produktionsschritt bei der Herstellung von Halbleitern. Im Sommer 2015 hat Plansee HLW in Indien ein neues Gebäude bezogen. Auf rund 10.000 Quadratmetern kommen die bisherigen Produktionsstätten unter ein Dach und bieten reichlich Raum für den weiteren Ausbau der Produktionskapazitäten. Die Investition unterstreicht das langfristige Engagement von Plansee in Indien. Das neue Werk ist das Kompetenzzentrum für Drähte und Drahtprodukte aus Wolfram und Molybdän und arbeitet mit der neuesten Produktionstechnologie. Es ist vollständig in den weltweiten Plansee-Produktionsverbund für die pulvermetallurgische Fertigung der Hochleistungswerkstoffe Molybdän und Wolfram eingebunden, inklusive aller Prozesse und IT-Systeme. In seiner Eröffnungsrede unterstreicht Geschäftsführer Anil Ramdasi die sozialen Aspekte: „Das neue Werk verfügt nicht nur über eine Kinderkrippe, eine Kantine und bestens au gestattete Umkleideräume, sondern erfüllt auch alle Anforderungen an ein ökologisch vorbildliches Gebäude.” Und nicht nur das: Es füllt auch die von der indischen Regierung ausgerufene „Make in India“-Kampagne mit Leben. Indien hat diese Kampagne zur Industrialisierung des Landes im Jahr 2014 gestartet, um mehr ausländische Investoren anzulocken. Dabei sollen bürokratische Hürden abgebaut und Steuerregeln vereinfacht werden. Im Zuge der Kampagne sollen Arbeiter besser ausgebildet und Industriekorridore und -parks geschaffen werden.

Teil des Plansee Produktionsverbunds: Das neue Produktionsgebäude von Plansee Hochleistungswerkstoffe in Mysore.

Wachstumsmarkt Indien

„Als aufstrebende Wirtschaftsregion ist Indien ‚reif ‘ für unsere Produkte und Werkzeuge“, so Dr. Michael Schwarzkopf, Vorstandsvorsitzender der Plansee-Gruppe. Während Plansee Produkte und Komponenten aus den Refraktärmetallen Wolfram und Molybdän in Indien vor allem für den Export produziert, werden die in Indien von Ceratizit hergestellten Hartmetallwerkzeuge fast ausschließlich in Indien verkauft. Indien gilt derzeit als eines der wenigen Schwellenländer m  positiven Wachstumsaussichten. Die Wirtschaft des Landes wächst robust. Die Inflation ist zuletzt gesunken. Das politische System gilt als sicher, die Arbeitskosten sind attraktiv. Als größte Hemmnisse für Investitionen gelten bislang Bürokratie und Zölle.