Das Unbekannte annehmen

Unternehmensübernahmen, Joint Ventures und Werksneubauten: Die dynamische Entwicklung der Plansee-Gruppe bietet Mitarbeitern die Chance, als Expatriate einige Jahre an einem anderen Standort zu arbeiten.

Lukas Schlatter koordiniert die SAP-Einführung von CB Ceratizit in Xiamen. Hat an der FH Kufstein/Österreich und ein Jahr in Japan International Business & Management studiert sowie bei einem dreijährigen Chinaaufenthalt die Sprache gelernt und angewandte Volkswirtschaft mit Schwerpunkt China studiert.

Analeigh Yu analysiert und entwickelt Logistikabläufe für das weltweite Produktionsnetz der Plansee Hochleistungswerkstoffe. Sie hat International Business in Schanghai studiert und drei Jahre lang den Bau des neuen Plansee-Werks in Schanghai als Projektassistentin und Einkäuferin begleitet.

Wolfgang Frick, Integrationsmanager bei Promax Tools in Kalifornien. Er koordiniert die SAP-Einführung, die Entwicklung des künftigen Produktions- und Vertriebskonzepts und Technologietransfers. Er hat die HTL Innsbruck/Österreich absolviert, drei Jahre in Reutte als Anwendungstechniker und Produktmanager gearbeitet, dann fünf Jahre Wirtschaftswissenschaften/Strategic Management studiert und seine Masterarbeit zum Thema Business Model Innovation mit Industrie 4.0 geschrieben.

Sie stürzen sich in neue Erfahrungen. Sie suchen abseits der breit getretenen Karrierepfade ihren eigenen Weg. Und sie stellen sich Herausforderungen, von denen sie manchmal gar nicht wissen, wie sie aussehen. Kurz: Wo sie gerade arbeiten, dort bringen sie vollen Einsatz. Die Rede ist beispielsweise von Wolfgang Frick, der als Integrationsmanager in Kalifornien arbeitet. Von Analeigh Yu, die in Österreich Logistikkompetenz aufbaut. Und von Lukas Schlatter, der in China eine SAP-Einführung vorbereitet.

livingmetals: Wie seid ihr zu eurem aktuellen Job gekommen?

Wolfgang Frick: Nach der Übernahme von Promax Tools in Kalifornien im Jahr 2014 ging es darum, das Unternehmen in die Ceratizit-Gruppe zu integrieren und Technologietransfers zu organisieren. Nachdem ich drei Jahre lang in der Anwendungstechnik bei Ceratizit in Österreich gearbeitet habe, studierte ich und schrieb meine Masterarbeit. Für diese Masterarbeit führte ich auch Interviews mit Geschäftsführern der Ceratizit-Gruppe. Aus diesen Kontakten ergab sich die Perspektive, nach meinem Studium und einer Einarbeitungszeit an verschiedenen europäischen CeratizitStandorten als Integrationsmanager nach Kalifornien zu gehen.

Analeigh Yu: Ich habe als Projektassistentin von Anfang an den Bau des neuen Plansee-Werks in Schanghai begleitet. Ich war unter anderem für die Beschaffung von Maschinen, Anlagen und Werkzeug zuständig und habe mich um die notwendige Abstimmung mit den Behörden gekümmert. Nach der Inbetriebnahme des Werks stehen wir vor der Herausforderung, das Werk in das Produktionsnetz der PlanseeHLW-Gruppe zu integrieren und die logistischen Abläufe zu optimieren. Um das Plansee-Logistikkonzept von der Pike auf kennenzulernen und später in Schanghai umsetzen zu können, bin ich für zwei Jahre ins Plansee-Stammwerk nach Reutte gegangen.

Lukas Schlatter: Ich hatte vier Jahre lang in Japan und China studiert und war im Herbst 2013 auf Jobsuche auf einer Karrieremesse in Innsbruck. Am Stand von Plansee/Ceratizit kam ein Kontakt zustande, der sich langsam, aber sicher zu einem konkreten Jobangebot entwickelt hat. Meine Aufgabe sollte es sein, die SAP-Einführung bei CB Ceratizit in China zu koordinieren. Als Vorbereitung habe ich mehrere Monate lang die europäischen Standorte der Ceratizit-Gruppe kennengelernt und an der SAP-Einführung in Indien mitgewirkt.

livingmetals: Worin seht ihr die größten Herausforderungen in eurem Job?

Lukas Schlatter: Eine SAP-Einführung will gut vorbereitet sein. Schließlich müssen europäische und chinesische Kollegen das gleiche Verständnis haben, was beispielsweise eine „Kommissionierliste“ oder ein „Lieferschein“ ist. Eine meiner wichtigsten Aufgaben sehe ich unter anderem darin, alles auf einen „Begriffsnenner“ zu bringen. Insofern sehe ich mich sehr stark als Vermittler zwischen den Standorten.

Analeigh Yu: Da kann ich mich nur anschließen. Die teilweise seit Jahren in Reutte etablierten und erprobten logistischen Prozesse zu verstehen und an unserem neuen Standort Schanghai einzuführen, das ist keine Aufgabe, die man eben mal in einer Skype-Konferenz bespricht. Dazu braucht es jemanden, der sie erst einmal versteht und das Wissen dann an den neuen Standort bringt. Die nächste Herausforderung wird es sein, gemeinsam mit den Kollegen in Schanghai zu erarbeiten, was und wie wir das sinnvollerweise umsetzen können.

Wolfgang Frick: Auch ich sehe mich als kommunikative Schnittstelle. Gerade bei Technologietransfers ist es wichtig, dass die Sprachhürden wegfallen. Dafür habe ich ein Wörterbuch erstellt mit all den Fachbegriffen, die bei der Herstellung von Bohrern aus Hartmetall wichtig sind. Das ist die Basis dafür, dass die Techniker aus Deutschland und Kalifornien konstruktiv über konkrete technische Details miteinander sprechen können. Außerdem muss man bei einem solchen Integrationsprojekt viele Themen gleichzeitig bearbeiten: die SAP-Einführung vorbereiten, das künftige Produktionskonzept entwickeln oder koordinieren, wie der Vertrieb in Zukunft aufgestellt sein soll.

livingmetals: Wie ist das, an einem Standort in einem anderen Land zu arbeiten?

Analeigh Yu: In China bekommt man in aller Regel klare Anweisungen, die man bis zum letzten Beistrich zu erfüllen hat. Das ist auch tief in der Erziehung verankert. In Österreich musste ich zunächst lernen, dass mein Chef die Aufgaben delegiert und dass ich meinen eigenen Weg finden muss, die übertragene Arbeit zu erledigen. Da ist man als Mitarbeiter auch viel stärker gefragt, sich Unterstützung von Kollegen zu suchen.

Wolfgang Frick: Aufgrund der großen Zeitdifferenz ist es fast unmöglich, Kollegen in Europa zu den üblichen Arbeitszeiten zu erreichen. Deshalb habe ich sehr schnell angefangen, mindestens ein, zwei Mal pro Woche spätabends zu skypen und wichtige Telefonate zu erledigen. Der große Vorteil ist, dass ich viele Kollegen schon kenne und direkt auf sie zugehen kann.

Lukas Schlatter: Auch wenn ich vier Jahre in Asien studiert habe, sind meine Chinesisch-Kenntnisse für detailreiche Diskussionen rund um Hartmetall und Prozessabläufe noch ausbaufähig. Da die U-Bahn in Xiamen erst gebaut wird und der Berufsverkehr chaotisch ist, haben meine Frau und ich uns entschieden, eine Werkswohnung direkt auf dem Firmengelände zu beziehen. Das ist auch deshalb von Vorteil, weil oft auch am Samstag gearbeitet wird – was schon eine Umstellung zum geregelten 7,7-Stunden-Tag in Österreich ist.

livingmetals: Was bringt euch dieser Auslandsaufenthalt persönlich?

Analeigh Yu: Im Sinne eines professionellen Projektmanagements möchte ich besser verstehen, an was die Kollegen hier alles im Voraus denken, wenn sie komplexe Projekte planen. Daneben ist natürlich auch das Lernen der deutschen Sprache sehr wichtig für mich. Zum Ausgleich genieße ich gemeinsam mit Kollegen in Reutte die wunderbare Natur und gehe viel Wandern und Klettern.

Wolfgang Frick: In Kalifornien gibt es so viele Menschen mit unterschiedlichsten Wurzeln. Über diese Wurzeln kommt man sehr schnell miteinander ins Gespräch und lernt sich kennen. Beeindruckt war ich auch von der herzlichen Aufnahme durch die Mitarbeiter. Was mich motiviert und antreibt in meinem Job ist, dass jede Woche etwas Neues kommt, wofür ich eine Lösung finden muss, auch privat. Das ist schon sehr aufregend.

Lukas Schlatter: Wenn man so ein Angebot bekommt, ist das eine riesige Chance, die man auf jeden Fall ergreifen sollte. Man kommt raus aus seiner Denkweise und seinem gewohnten Umfeld und lernt etwas anderes kennen. Ich würde das jederzeit wieder machen. Und ich persönlich verstehe jetzt viel besser, warum chinesische Unternehmen Europa so unter Druck setzen. Sie sind einfach wahnsinnig schnell und flexibel und schauen dabei auch auf die Kosten. Die machen schon sehr viel richtig, da müssen wir in Österreich raus aus der Komfortzone und etwas unternehmen.